Atritas/ Eistroll

20.1.2006, Düdingen, Bad Bonn

Samstag Morgen, halb Acht. Aufstehen. Arzttermin. Scheisse. Also aus dem Bett gewälzt. Brummschädel, die Stimme ist scheinbar in die Ferien gegangen und nur der Gedanke an eine seitliche Bewegung des Halses schmerzt. Untrügliche Indizien dafür, dass am Abend zuvor ein geiles Konzert gewesen sein musste.
Mein persönliches Jubiläum mit Atritas (zehntes Konzert, das ich besuche), verschlägt mich in die Nähe von Fribourg, in die Kneipe Bad Bonn bei Düdingen. Und Herrschaften, so ein feines Lokal fehlt hier in der Gegend definitiv. Geräumig, kultige, kleine Bühne, Zuschauerraum und Barbereich liegen gleich nebeneinander und sind nicht durch lästige Türen getrennt. Dazu ein gutes Ambiente, so dass man sehr gerne den Abend hier verbringt.

Konzertmässig los geht's pünktlich um viertel vor Zehn mit den lokalen Eistroll. Rauer Black Metal der alten Schule ist angesagt, meistens eher im Midtempo bzw. schleppenden Gang gehalten, allerdings selbstverständlich mit Blastausflügen und schön klirrenden Gitarren. Dezentes Corpsepaint unterstreicht die Musik optisch, allerdings fehlt es der Band spürbar an Live-Routine. Musikalisch absolut kompetent, aber insbesondere der Sänger legt eine zu grosse Schüchternheit an den Tag und kommt bei den Ansagen eher nett rüber. Den Bewegungsradius sollten Eistroll auch noch vergrössern. Ansonsten gibt's nix zu bemängeln, und die ersten Headbanger werden im Publikum gesichtet, das freundlich, wenn auch nicht enthusiastisch applaudiert. Man muss auch sagen, dass Eistroll noch nicht allzu lange am Start sind und dafür aber schon ein paar knackige, gute Songs am Start haben. Gitarrist Zephiroth ist der aktivste von allen, und Sänger Vritra hat eine starke hohe Kreischstimme, sollte aber wie zuvor erwähnt noch an seinem Stageacting arbeiten. Nach einer halben Stunde ist Schicht im Schacht, und ich denke, von Eistroll wird man noch zu hören bekommen, denn die Band steht wie gesagt erst am Anfang.

Das darf ja wohl nicht wahr sein: Ausgerechnet beim zehnten Konzert von Atritas verpasse ich den Anfang und komme erst wieder von der Toilette (auf der passende Musik wie Anastacia oder R.E.M. läuft) vor die Bühne, als das Intro beinahe durch ist. Macht aber nix, schliesslich gibt's heute eineinhalb Stunden melodischen Black Metal auf die Ohren. Das harsche, schon länger nicht mehr gehört "Primat Des Geistes" eröffnet ein denkwürdiges Konzert, das zu den besten gehört, welches ich von der Band erleben durfte. Obwohl sich der Zuschauerzuspruch (nicht aber die Reaktionen!) in Grenzen hält, gibt das Sextett alles und nutzt den spärlichen Raum auf der Bühne optimal. Der Schwerpunkt der 16 Songs langen Setlist liegt auf neuerem Material, so kommen neben den Highlights der aktuellen Platte "Where Witches Burnt" wie dem Titelsong, "My Mortal Flesh", dem symphonisch-verspielten "Black Sunday", dem hysterischen "Thou Shalt Suffer" (von Frontmann Gier zu früh angekündigt) und dem edlen "Mongrel Monument" auch die neuen Songs zum Zug. Besonders "Lunar Psychosis" (heute speziell hingehört) und "Earthbound Suicide", die beide ein enormes Spektrum an Abwechslung haben, schreien mittlerweile nach einer Aufnahme. Auch der Sechs-Minuten-Tonner "Black Dominion Era" fehlt selbstredend nicht, und durch den transparenten, druckvollen und schön lauten Sound (Hunter hinter den Reglern liefert mal wieder saubere Arbeit) kommt der Thrash Metal-Bangpart speziell gut. Während sich die Saitenfraktion ins Zeug legt und wahlweise grimmig in der Musik aufgeht (Bassist P. Magick), wild post (Gitarrist Baal) oder in gewohnter Manier Plektren umherschmeisst (Gitarrist Swart), kommuniziert Gier in souveräner Art und Weise mit dem Publikum, feuert die Anwesenden an und überzeugt durch eine ehrliche, aggressiv-intensive Ausstrahlung. Erneut zum Stolperstein gerät "Das Tier", diesmal erwischt Swart beim Clean-Abschnitt den falschen Sound. Dann folgen die Highlights Schlag auf Schlag: Erst das rohe, kraftvolle "Luzifers Blutpfad" mit seinem mystischen Intro und charakteristischer Melodieführung, dann das von Gitarrist Baal intonierte, düstere "Narrow Refuge", "The Devils Throat" (endlich mal wieder!), der klirrend-rasende Opener von "Where Witches Burnt", und dann, endlich, man durfte es beinahe kaum mehr glauben, so ziemlich einer der geilsten Atritas-Lieder überhaupt: "Corvus Pro Satana" von der zweiten Scheibe "Rising Of Eternal Dusk". Melancholisch, emotional, ursprünglich, mit giftig hohem, absolut hysterischem Kreischgesang und mit einer sagenhaft geilen Gitarrenmelodie ausgestattet, ist der Song der Höhepunkt des Abends. Schon allein deshalb hat sich die Anreise gelohnt. Und selbstverständlich wegen "...einem Song, von dem ich weiss, dass einige Leute heute Abend nur deswegen hier sind!", so Gier. Das kann nur eins bedeuten: "Christentod". Und wieder gibt's Gänsehaut, speziell bei dem einen langsameren Abschnitt, zu dem sich herrlich die Rübe schütteln lässt. Fabelhaft. Schon beim Clean-Gitarren-Intro brüllen ein paar Leute im Publikum, und die Verbliebenen legen sich nochmals ins Zeug. Bangen, bis das Piercing rausfliegt. Auch Keyboarderin Hysteria ist bestens zu hören, während Schlagzeuger Ork das eine oder andere Mal die Stöcke aus den Fingern fliegen. Ein Besonderes Schmankerl gibt's dann als Abschluss: einen absolut neuen Song, der auf Anhieb überzeugt, was erstens an dem "Phantom Of The Opera"-artigen Intro liegt, zum einen an der Geschwindigkeit in Verbindung mit den klassischen Atritas-Gitarren, denn der Song ist der schnellste und aggressivste der neuen und gehört ebenfalls schnellstens auf Konserve gebannt. Auch enthält er wieder mehr hohen Gesang.
Dann sind die eineinhalb Stunden auch schon wieder vorbei (erstaunlich, wie scheinbar leicht die Band das durchhielt, auch wenn laut Gier nach einer Stunde das Ziehen anfing), und das Konzert hat vor allem eins verdeutlicht: Atritas haben sowohl geniale neue Songs, die auf Anhieb überzeugen, auf der anderen Seite auch Perlen wie eben "Corvus Pro Satana" und "Christentod", und es wäre wünschenswert, wenn die Band noch die eine oder andere ältere Nummer ausgraben könnte, man denke da an Songs wie "United For The Black Messiah", "Forest Of Depravity", "Hure Babylon", "Requiem Of Fallen Angels", "B.C.", "Vanitas Atra" oder "Recke Satans"... sieht aus, als müssten Atritas das nächste Mal zwei Stunden auf die Bühne...

Bewertung von Taste Of Black